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Die Hand, die das Wort berührte: Glaube, der Fleisch geworden ist!

Teil 1: Grundlage des Christlichen Glaubens

1.Johannes 1,1: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens…“

Es gibt Momente im Leben, in denen Worte nicht mehr ausreichen. Man steht vor etwas, das größer ist als jede Beschreibung, und doch ringt man darum, es zu fassen, es weiterzugeben, es nicht im Schweigen versinken zu lassen. Johannes stand an einem solchen Punkt, als er seinen ersten Brief schrieb. Er war alt geworden, hatte Jahrzehnte hinter sich, in denen er das Unfassbare bezeugen durfte. Und nun beginnt er mit einer Aussage, die nicht theologisch abstrahiert, sondern körperlich konkret ist: „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens“ (1. Johannes 1,1). Hier spricht kein Philosoph, der eine Idee entwirft. Hier spricht ein Zeuge, der seine Hand ausstreckte und Gott berührte.

Es ist wichtig zu sehen, dass Johannes mit diesem „wir“ nicht irgendeine unbestimmte Gemeinschaft meint. Er spricht von den Aposteln, den ersten Jüngern Jesu, den Männern, die mit ihm gegangen sind, die seine Stimme kannten, seinen Blick, seine Schritte, seine Berührungen. Dieses „wir“ ist das Zeugnis derer, die nicht über Jesus nachgedacht haben, sondern mit ihm gelebt haben. Und doch bleibt dieses Wort nicht in der Vergangenheit stehen. Denn ihr Zeugnis wird zu unserem Zugang. Was sie gehört, gesehen und berührt haben, ist uns heute durch die Heilige Schrift überliefert, damit auch wir Anteil bekommen an derselben Wirklichkeit. Wir berühren Christus nicht mit unseren Händen, aber wir begegnen ihm im Wort, im Geist, in der Gemeinschaft der Glaubenden. Ihr „wir“ wird zu einem „wir“, das sich über die Jahrhunderte ausdehnt; ein Ruf, hineinzutreten in dieselbe lebendige Gemeinschaft mit dem Wort des Lebens.

Der christliche Glaube beginnt nicht mit einer Theorie über das Göttliche. Er beginnt mit der Fleischwerdung. Mit einem Gott, der in die Welt trat, nicht als Prinzip, nicht als fernes Licht, sondern als Mensch. Johannes erinnert uns daran, dass der Glaube nicht in den Köpfen der Apostel entstand, sondern in der Begegnung. Sie hörten seine Stimme, sahen sein Gesicht, spürten die Wärme seiner Hände. Das Wort, das vor aller Zeit bei Gott war, „wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit“ (Johannes 1,14). Diese Herrlichkeit war keine abstrakte Größe. Sie war sichtbar in den Augen eines Mannes, der Kinder segnete, der Kranke heilte, der Tote auferweckte. Sie war greifbar in den Händen, die Brot brachen und einem Freund die Füße wuschen.

Johannes wiederholt es viermal in einem einzigen Satz: gehört, gesehen, betrachtet, betastet. Diese Wiederholung ist keine literarische theologische Spielerei. Sie ist die Betonung eines ungeheuerlichen Anspruchs. Der ewige Gott, der vor aller Zeit existierte, wurde so konkret, dass Menschen ihn nicht nur anschauen, sondern auch anfassen konnten. Das Wort des Lebens, das am Anfang war, durch das alles geschaffen wurde, nahm Fleisch an. Es atmete dieselbe Luft wie wir, ging auf denselben staubigen Straßen, wurde müde, hungrig, durstig. Der Schöpfer des Universums ließ sich von seinen Geschöpfen berühren.

Diese Wahrheit sprengt jeden religiösen Rahmen, den Menschen sich je ausgedacht haben. Keine andere Religion wagt zu behaupten, dass der unendliche, heilige Gott selbst Mensch wird, sich verletzlich macht, sich in Raum und Zeit hineinbegibt und sich von sündigen Menschen berühren lässt. Überall sonst bleiben die Götter fern, unnahbar, erhaben über die Welt. Doch hier geschieht das Unvorstellbare: Der Ewige tritt in unsere Endlichkeit. Der Unfassbare wird fassbar. Der, den niemand je gesehen hat, lässt sich anschauen. Der, der alles trägt, lässt sich von menschlichen Händen halten. Diese Inkarnation ist nicht nur ein theologisches Konzept, sondern der Herzschlag des Evangeliums – die unüberbietbare Nähe Gottes, die uns bis heute trägt.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. In den meisten Religionen bleibt das Göttliche auf Distanz. Es offenbart sich vielleicht durch Propheten, durch heilige Schriften, durch mystische Erfahrungen, aber es kommt nicht selbst. Es sendet Boten, aber es wird nicht selbst Mensch. Der biblische Glaube ist anders. Hier ist Gott nicht der ferne Beobachter, der von oben herab auf die Menschen schaut. Hier ist Gott derjenige, der herabsteigt, der sich erniedrigt, der „Knechtsgestalt annahm und den Menschen gleich wurde“ (Philipper 2,7). Hier ist Gott derjenige, der sich ausliefert, der verletzlich wird, der leidet.

Johannes war dabei. Er gehörte zu dem inneren Kreis der Jünger, die Jesus am nächsten standen. Er war auf dem Berg der Verklärung, als das Gesicht Jesu leuchtete wie die Sonne. Er war im Garten Gethsemane, als Jesus im Angesicht des Todes rang und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen. Er stand unter dem Kreuz, als Jesus starb, und nahm auf seinen Wunsch hin Maria, die Mutter Jesu, zu sich. Er lief als Erster zum leeren Grab, als die Nachricht von der Auferstehung kam. Dieser Mann schreibt nicht als Außenstehender, nicht als jemand, der Gerüchte weitergibt. Er schreibt als Augenzeuge. „Was wir gesehen haben mit unsern Augen.“

In einer Welt, in der religiöse Erfahrungen oft subjektiv und flüchtig sind, in der spirituelle Lehren sich auf innere Erleuchtungen und mystische Visionen berufen, setzt Johannes einen anderen Akzent. Der christliche Glaube ist kein privates Gefühl, keine innere Überzeugung, die man nicht überprüfen kann. Er beruht auf etwas, das öffentlich geschehen ist, das viele Menschen gesehen haben, das in Raum und Zeit stattfand. Paulus schreibt an die Korinther: „Denn ich habe euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift; und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal“ (1. Korinther 15,3–6). Das ist Geschichte, nicht Mythologie.

Das Wort „betrachtet“ ist im Griechischen besonders ausdrucksstark. Es bedeutet nicht nur einen flüchtigen Blick, sondern ein genaues, aufmerksames Beobachten. Johannes hat Jesus nicht nur gesehen, er hat ihn studiert, seine Worte abgewogen, seine Taten beobachtet, sein Wesen erforscht. Drei Jahre lang war er Tag für Tag mit ihm unterwegs. Er sah, wie Jesus mit den Pharisäern diskutierte, wie er sich über die Kinder freute, wie er über Jerusalem weinte. Er sah die Autorität, mit der er sprach, die Sanftmut, mit der er die Sünder empfing, die Zorn, mit dem er die Heuchler entlarvte. Dieser Jesus war kein eindimensionaler Held, keine idealisierte Figur. Er war ein wirklicher Mensch, in all seiner Komplexität und Tiefe.

Und dann die stärkste Formulierung: „unsre Hände betastet haben.“ Nach der Auferstehung trat Jesus in die Mitte seiner Jünger und zeigte ihnen seine Hände und seine Seite. „Sehet meine Hände und meine Füße, ich bin’s selber. Rühret mich an und sehet; denn ein Geist hat nicht Fleisch und Bein, wie ihr sehet, dass ich habe“ (Lukas 24,39). Er ließ sich anfassen, weil er wusste, dass sie es brauchten. Sie mussten spüren, dass er wirklich da war, dass er kein Geist war, keine Halluzination, sondern derselbe Jesus, der am Kreuz gestorben war. Thomas, der nicht dabei gewesen war, sagte: „Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben“ (Johannes 20,25). Jesus kam zurück und sagte zu ihm: „Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ (Johannes 20,27). Thomas fiel auf die Knie und bekannte: „Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20,28).

Diese Körperlichkeit des Glaubens ist fundamental. Der christliche Glaube ist nicht eine Lehre über die Unsterblichkeit der Seele, nicht eine Philosophie über das Gute und Wahre. Er ist die Verkündigung, dass Gott Mensch wurde, dass er in einem konkreten Körper lebte, litt und starb, und dass dieser Körper auferweckt wurde. Die Auferstehung ist nicht die Befreiung der Seele aus dem Gefängnis des Leibes, wie manche antiken Philosophen lehrten. Sie ist die Verwandlung und Verherrlichung des ganzen Menschen, Leib und Seele. Paulus schreibt: „Wenn aber der Geist dessen, der Jesus von den Toten auferweckt hat, in euch wohnt, so wird er, der Christus von den Toten auferweckt hat, auch eure sterblichen Leiber lebendig machen durch seinen Geist, der in euch wohnt“ (Römer 8,11).

Johannes nennt Jesus „das Wort des Lebens.“ Dieses Wort war nicht nur eine Botschaft über das Leben, es war das Leben selbst. „In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen“ (Johannes 1,4). Wer Jesus begegnete, begegnete dem Leben in seiner Fülle. Die Kranken wurden geheilt, die Toten auferweckt, die Sünder vergeben. Er sagte: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen“ (Johannes 10,10). Dieses Leben ist nicht einfach eine verlängerte irdische Existenz. Es ist eine neue Qualität des Daseins, eine Teilhabe am göttlichen Leben selbst. „Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen“ (Johannes 17,3).

Was bedeutet das für uns heute, die wir Jesus nicht wie Johannes gesehen und berührt haben? Es bedeutet, dass unser Glaube auf einem festen Fundament steht. Wir glauben nicht an Legenden, nicht an fromme Erfindungen, sondern an das Zeugnis glaubwürdiger Männer und Frauen, die bereit waren, für ihre Überzeugung zu sterben. Die Apostel hätten alles widerrufen können, als die Verfolgung begann. Sie hätten sagen können: „Es war alles ein Irrtum, wir haben uns getäuscht.“ Aber sie taten es nicht. Sie gingen in den Tod mit der Gewissheit, dass Jesus auferstanden war. Menschen sterben nicht für etwas, von dem sie wissen, dass es eine Lüge ist. Sie sterben für das, was sie gesehen haben.

Petrus schreibt in seinem Brief: „Denn wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus; sondern wir haben seine Herrlichkeit selber gesehen“ (2. Petrus 1,16). Diese Herrlichkeit war nicht eine Vision, die nur sie sehen konnten. Sie war eine Wirklichkeit, die sich in der Geschichte ereignete, die Spuren hinterließ, die bezeugt wurde. Das leere Grab war da. Die Begegnungen mit dem Auferstandenen fanden statt. Die Verwandlung der Jünger von verängstigten Männern zu mutigen Zeugen war real. Etwas war geschehen, das alles veränderte.

Der Glaube, den Johannes verkündet, fordert eine Antwort. Man kann nicht neutral bleiben, wenn man mit diesem Zeugnis konfrontiert wird. Entweder ist es wahr, und dann ist es die wichtigste Wahrheit, die je verkündet wurde, oder es ist falsch, und dann sollte man es verwerfen. Aber man kann es nicht ignorieren. Jesus selbst sagt: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut“ (Matthäus 12,30). Es gibt keinen Mittelweg. Entweder ist Jesus der Herr, oder er ist es nicht. Entweder ist er auferstanden, oder er ist tot. Die Antwort, die wir darauf geben, bestimmt nicht nur unser Denken, sondern unser ganzes Leben.

Johannes schrieb diesen Brief in einer Zeit, als falsche Lehren in die Gemeinden eindrangen. Manche behaupteten, Jesus sei nicht wirklich Mensch gewesen, sondern nur ein Geist, der menschliche Gestalt annahm. Andere sagten, der menschliche Jesus und der göttliche Christus seien zwei verschiedene Wesen. Johannes widerspricht dem entschieden. Nein, sagt er, wir haben ihn berührt. Er war wirklich Mensch, mit Fleisch und Blut. Und doch war er das Wort des Lebens, das von Anfang an war. In ihm sind Gott und Mensch untrennbar vereint. „Und das Wort ward Fleisch“ (Johannes 1,14). Nicht: das Wort nahm Fleisch an. Nicht: das Wort erschien im Fleisch. Sondern: das Wort wurde Fleisch. Eine völlige, wirkliche Menschwerdung.

Diese Wahrheit ist die Grundlage unseres Glaubens. Wenn Jesus nicht wirklich Mensch war, dann hat er nicht wirklich gelitten. Wenn er nicht wirklich Gott war, dann konnte sein Tod uns nicht retten. Aber weil er beides ist, wahrer Gott und wahrer Mensch, konnte er als Mensch stellvertretend für uns sterben und als Gott diesem Tod ewige, unendliche Bedeutung geben. „Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung“ (1. Timotheus 2,5–6). Kein anderer konnte das tun. Kein Prophet, kein Engel, kein noch so heiliger Mensch. Nur der, der selbst Gott ist und zugleich Mensch.

Johannes will, dass wir begreifen: Der christliche Glaube ist keine Spekulation über das Jenseits, keine moralische Philosophie, keine religiöse Technik zur Selbstverbesserung. Er ist die Verkündigung einer historischen Tatsache, die alles verändert hat. Gott ist Mensch geworden. Er ist gestorben. Er ist auferstanden. Und wer an ihn glaubt, hat das ewige Leben. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (Johannes 5,24). Das ist keine Verheißung für die ferne Zukunft. Das ist eine gegenwärtige Wirklichkeit. Wer an Christus glaubt, lebt schon jetzt in der Gegenwart Gottes, schon jetzt in der Gemeinschaft mit ihm, schon jetzt im Licht des ewigen Lebens.

Was Johannes mit seinen Händen betastet hat, das verkündet er uns. Nicht als eine Option unter vielen, nicht als einen möglichen Weg, sondern als die Wahrheit. „Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Johannes 14,6). Diese Aussage ist heute unbequem. Sie passt nicht in eine Kultur, die alle Wahrheitsansprüche relativiert, die Toleranz als höchsten Wert ansieht, die jede Überzeugung als gleichwertig betrachtet. Aber Johannes und die anderen Apostel konnten nicht anders. Sie hatten den Auferstandenen gesehen. Sie wussten, dass es wahr war. Und diese Wahrheit musste verkündet werden, koste es, was es wolle.

Der christliche Glaube ruht auf einem festen Fundament. Nicht auf menschlichen Überlegungen, nicht auf religiösen Gefühlen, sondern auf der historischen Wirklichkeit der Menschwerdung, des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Johannes hat ihn gesehen, gehört, berührt. Er war dabei. Und er sagt uns: Glaubt, denn es ist wahr. Christus lebt. Und weil er lebt, können auch wir leben. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“ (Johannes 3,16).

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